Brüder-Grimm-Platz

Zitat von »Curt« aus dem HNA-Forum (http://forum.hna.de):
»Nun gäbe es mit der Option Torwache die Chance, wirklich einen authentischen Ort zu bieten. Aber dieser Weg soll offenbar nicht beschritten werden. Man stelle sich mal den Dialog zwischen der Stadt und dem Land, so wie er gelaufen ist, in einer Bühnenversion vor: - Stadt: ›Sag mal, wir haben doch dieses Brüder-Grimm-Museum. Und die Brüder Grimm haben doch in der Torwache gewohnt. Können wir vielleicht die Torwache als Museumsstandort haben?‹ - Land: ›Das ist ja eine gute Idee! Also grundsätzlich spricht nichts dagegen, dass wir euch die Torwache überlassen. Lass uns mal schauen, wie wir das hinkriegen.‹ - Stadt: ›Na gut, dann halt nicht!‹ - Ein solcher Kommunikationsstil führt direkt in den Wahnsinn.«

Sofort nach Bekanntwerden der Museumslandschafts-Pläne wurde als Schwäche der Planungen erkannt, daß in der Stadt Kassel kein rechtes Gegengewicht zur Wilhelmshöhe zu erkennen ist. Dabei bietet sich ein Ort besonders an: Der Brüder-Grimm-Platz.

Dieser Platz ist städtebaulich von großem Interesse, da er in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt an der Stelle liegt, an der die Wilhelmshöher Allee zur Königstraße abknickt. Der Neubau des Landesmuseums, 1907 bis 1912 vom hochbedeutenden Städteplaner und Architekten Theodor Fischer (auf den Namen klicken für den Wikipedia-Artikel) errichtet, ist hervorragend in den historischen Bestand eingegliedert und spiegelt den Achsenverlauf der Straßen. Hier ein Link auf die hervorragende Brüder-Grimm-Platz-Seite bei Christian Presche.

Am Brüder-Grimm-Platz liegen darüberhinaus geradezu idealtypisch Orte bürgerlicher Kultur in Kassel:
- Die Murhardsche Bibliothek,
- die Torwache, historischer Ort der Wohnung der Brüder Grimm,
- weitgehend konsistente Reste der ansonsten fast vollständig kriegszerstörten oberen Neustadt, so auch das Gebäude der Arnoldschen Tapetenfabrik
- und in unmittelbarer Nähe das Museum für Sepulkralkultur.

Dennoch wurde, vermutlich aus Unkenntnis und der Einfachheit halber, das Potential des Brüder-Grimm-Platzes im Museumslandschaft-Gutachten keineswegs ausgeschöpft. Die museologischen Mängel des Gutachtens treten besonders deutlich bei den Vorschlägen zur Neunutzung des Landesmuseums-Gebäudes und der Torwache hervor. Die unbezähmbare Umbau- und Neubaulust soll sich ausgerechnet am denkmalgeschützten Landesmuseum verwirklichen: Ein offenbar sinnloser Glas-Verbindungsbau soll die von Theodor Fischer so behutsam angebrachte Verbindung zwischen dem Museumsbau und der - viel älteren - Torwache modisch beschädigen; die Fassade des Landesmuseums soll aufgerissen werden. Dieser letzteren Maßnahme hat der Landeskonservator bereits zugestimmt - was, zumal bei nicht vorhandenen tragfähigen Konzepten, gewiß undenkbar gewesen wäre, wenn die obere Denkmalbehörde nicht dem planenden Kunstminister unterstellt wäre.

Aber es gab fast gleichzeitig mehrere gewichtige Wortmeldungen, die den Brüder-Grimm-Platz zur stadtseitigen Museumsinsel ausgebaut sehen wollen:
- Dirk Schwarze plädierte in der HNA dafür,
- es gab eine Veranstaltung des Arbeitskreises für Denkmalschutz und Stadtgestaltung mit Rundgang über den Platz,
- und es gab einen Brief an den Kunstminister Udo Corts, unterschrieben von einer überwältigenden Zahl von kulturfördernden Bürgerinnen und Bürgern.

Dieser Brief wird hier im Wortlaut zitiert, samt der beeindruckenden Liste der Unterzeichner. Die Antwort des Ministers Udo Corts vom 25. Oktober 2005 liegt vor, wird hier wohl demnächst veröffentlicht, verweist indes lediglich auf das damals noch nicht veröffentlichte Gutachten, auf die Nutzung der Torwache durch den Hessischen Verwaltungsgerichtshof - und in Sachen Grimm auf die Stadt Kassel.

* * *

Dr. Hans-Kurt Boehlke

Kassel, den 27. September 2005

An den Hessischen Minister
für Wissenschaft und Kunst
Herrn Udo Corts
Luisenplatz 10
65185 Wiesbaden

Sehr verehrter Herr Minister,

am 1. September dieses Jahres schrieb ich Ihnen einen Brief über die Notwendigkeit im Rahmen der Neuplanung der Kasseler Museumslandschaft, den Brüder-Grimm-Platz am Ende der Achse der Wilhelmshöher Allee als Gegengewicht zum Museumspark Wilhelmshöhe auszubauen. In einem beigefügten Exposé wurde seine Bedeutung für die Museumslandschaft Kassels insgesamt, aber auch für das Stadtbild herausgestellt, da der Brüder-Grimm-Platz als Gelenk nicht nur am Beginn der Wilhelmshöher Allee steht, sondern auch der neuen Achse der Königstraße bis hin zum Königsplatz. Gleichzeitig wurde die Authentizität des Ortes für die Brüder Grimm als der damit gegebene Standort der Brüder-Grimm-Museums und seines zu errichtenden Forschungszentrums herausgestellt. Es bedarf dann auch keines Neubaus mehr.

Damals vertrat ich die überwiegende Meinung der Fachleute aus dem Bereich der Museen und auch des Städtebaus. Inzwischen ist die Ausgestaltung des Brüder-Grimm-Platzes als Museumsschwerpunkt und städtebaulicher Angelpunkt ein breites Anliegen auch in der Bevölkerung.

Am Sonnabend, dem 24. September, trafen sich auf Einladung des Arbeitskreises für Denkmalschutz und Stadtgestalt, der getragen wird von der Gesellschaft für Kultur und Denkmalpflege / Hessischer Heimatbund, Niederhessischer Zweigverein Kassel e.V., dem Verein für hessische Geschichte und Landeskunde e.V., Zweigverein Kassel und dem Verein der Freunde des Stadtmuseums Kassel e.V. zahlreiche Bürgerinnen und Bürger der Stadt auf dem Brüder-Grimm-Platz, um sich durch den Arbeitskreis über die historische Entwicklung der Platzgestalt des für das Stadtbild so bedeutsamen Platzes von der ersten Planung Simon-Louis du Rys im 18. Jh. bis in das 20. Jh. hinein, unterrichten zu lassen, ebenso wie über seine kulturgeschichtliche Bedeutung durch die Wohnung der Brüder Grimm in der nördlichen Torwache und auch durch das reiche kulturelle Leben im Hause Arnold, das zuvor als Palais für Minister und Bischöfe diente, heute bekannt unter dem Namen »Arnoldsche Tapetenfabrik« (auf eine künftige Verwendung als Haus des Tapetenmuseums wurde im damaligen Exposé schon hingewiesen). Über die Veranstaltung am vergangenen Sonnabend berichtete die HNA am 27. September 2005. Die anwesenden Kasseler Bürgerinnen und Bürger bekundeten demonstrativ, dass sie durch flexible und vorausschauende Planung die Verlegung des Brüder-Grimm-Museums und der Forschungsstätte sowie die Neugestaltung des Platzes als arrondiertes Museumsforum auch in seiner Bedeutung für das Stadtbild für unerlässlich halten. Tradierte Kultur - wie sie in den beigefügten Unterlagen des Arbeitskreises für Denkmalschutz und Stadtgestalt anschaulich wird, so dass sich weitere Ausführungen hier erübrigen - kann auf diese Weise angemessen weiterentwickelt werden.

Diese Ansicht vertreten die mitunterzeichneten Bürgerinnen und Bürger, die das kulturelle Leben in Kassel mittragen und mitprägen. Sie bitten mit Nachdruck, diese Vorstellungen, die durch die beigefügten Unterlagen untermauert werden, in die Planung des Landes für die Museumslandschaft Kassel aufzunehmen.

Mit freundlichem Gruß
Hans-Kurt Boehlke


Liste der Unterzeichner

  • Dr. Hans-Kurt Boehlke, Gründer und langjähriger Leiter des Museums für Sepulkralkultur, langjähriger Vorsitzender des Denkmalbeirats beim Magistrat der Stadt Kassel, langjähriger Vorsitzender der ASKI (Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Kulturinstitutionen in Deutschland) u.s.w.
  • Heinrich Klose, Prof. Architektur Universität Kassel, Präsident der Akademie für den ländlichen Raum
  • Christian Kopetzki, Dekan des Fachbereichs Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung, Professur für Stadtumbau / Stadterneuerung, Universität Kassel
  • Ingrid Lübke, Prof. für kommunale Entwicklungsplanung, Universität Kassel
  • Eveline Valtink, Direktorin der Evangelischen Akdademie in Hofgeismar
  • Karin Melchior, Galeristin, Kuratorium Alte Brüderkirche, documenta Forum
  • Ernst Wittekind, Dekan em., Vorsitzender der Kasseler Musiktage, zahlreiche Ehrenämter im kirchlich-kulturellen Bereich
  • Bernhard Leifeld, Geschäftsführer der documenta GmbH
  • Barbara Heinrich, geschäftsführende Dekanin des Evangelischen Stadt-Kirchenkreises Kassel
  • Dr. Ludolf von Mackensen, Museumsdirektor i.R., Gründer des Museums für Astronomie- und Technikgeschichte in der Orangerie, Prof. für Technikgeschichte, Vorsitzender der Goethegesellschaft Kassel
  • Anneliese Hartleb, Journalistin, langjährige Geschäftsführerin der Goethegesellschaft Kassel, zahlreiche Ehrenämter und Auszeichnungen
  • Renate Fricke, Dipl. Volkswirtin, langjährige Geschäftsführerin von »Pro Nordhessen«, Präsidentin des Rotary-Club Kassel-Baunatal
  • Dr. Jürgen Spalckhaver, Rechtsanwalt und Notar, Präsident der Juristischen Gesellschaft Kassel
  • Christian Presche, Dipl.-Ing., Kunsthistoriker, Sprecher des Arbeitskreises für Denkmalschutz und Stadtgestalt, Lehrbeauftrager Universität Kassel
  • Christine Schmarsow, Stadtverordnetenvorsteherin Stadt Kassel
  • Dr. Monika Junker-John, Stadtverordnete, Kulturpolitische Sprecherin SPD-Fraktion
  • Gisela Schmidt, Stadtverordnete, Kulturpolitische Sprecherin FDP-Fraktion
  • Dr. Gerd Rohmann, Ordentlicher Professor Fachbereich Anglistik / Romanistik Universität Kassel, Präsident der Samuel-Beckett-Gesellschaft Kassel e.V.
  • Manfred Lenhart, Dipl.-Ing. Architekt BDA, Vorsitzender des BDA (Bund Deutscher Architekten), Gruppe Kassel
  • Hans Krollmann, Hessischer Kulturminister i.R., Vorsitzender der Bürgerinitiative »Pro A«, Fördergesellschaft Staatstheater Kassel
  • Hans Sigismund Freiherr Waitz von Eschen, Dipl.-Ing., Unternehmer, Rotary-Kulturkreis, Beirat »Freunde des Stadtmuseums Kassel«
  • Willi Hesse, Oberstudiendirektor, Georg-Forster-Gesellschaft Kassel
  • Dr. Stefan Hartmann, Archivdirektor Geheim. Staatsarchiv (Stifung Preußischer Kulturbesitz) Berlin, dort als bedeutender Landeshistoriker zuständig für die hessische Geschichte
  • Christa von Waitz, Brüder-Grimm-Forscherin
  • Dr. Klaus Ostermann, Angewandte Soziale Gerontologie Universität Kassel, Stadtverordneter, Kulturpolitischer Sprecher »Die Grünen« Kassel
  • Professor Dr. Dr. h.c. Rainer Ludewig, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, Sprecher der Bürgerinitiative »Kassel gewinnt« der 37 nordhessischen Service-Clubs
  • Professor Dr. Hansjörg Melchior, Direktor der Klinik für Urologie Kassel i.R., Vorsitzender der Bürgerstiftung »Glas der Vernunft«
  • Dr. Peter Völker, Ärztlicher Direktor des Krankenhauses des Kurhessischen Diakonissenhauses Kassel i.R.
  • Karl-Hermann Wegner, Museumsdirektor, 1. Vorsitzender des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde in Kassel
 

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