Stand der Dinge
Hier das Link für das Gutachten: www.hmwk.hessen.de

Stand Frühjahr 2007:

Vor allem wohl durch den Druck des Vereins »Bürger für das Welterbe« fand im Januar 2007 ein Treffen einer Runde von Denkmal-, Gartendenkmal- und Welterbe-Spezialisten statt. Eingeladen hatten Prof. Dr. Gerd Weiß, der Präsident des Hessischen Landesdenkmalamtes, und Staatsminister Udo Corts, Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst.

Gekommen waren: Prof. Dr. Michael Petzet - ICOMOS-Präsident / Giulio Marano - ICOMOS-Monitoring-Gruppe / Dr. Eva-Maria Höhle - Generalkonservatorin beim Bundesdenkmalamt Wien / Prof. Dr. Bernhard Furrer - Präsident der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege / Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh - Präsident der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg / Hellmut Seemann - Präsident der Klassik Stiftung Weimar / Dr. Dr. Robert de Jong - Mitglied von ICOMOS und IFLA / Prof. Heinz Hallmann - Landschaftsarchitekt und Fachpreisrichter Besucherzentrum Herkules / Prof. Hardy Fischer - Vorsitzender des Vereins Bürger für das Welterbe / Dirk Schwarze - Kulturredakteur der HNA / Dr. Michael Eissenhauer - Direktor der museumslandschaft hessen kassel. Diese illustre Gruppe bildete die »Expertenrunde«, darüberhinaus gab es eine Fachberater-Gruppe.

Seit diesem Treffen ist von den Wilhelmshöher Teilen der Museumslandschafts-Planung praktisch nichts mehr übrig. Ein ausführlicher Bericht von Prof. Hardy Fischer ist auf der Startseite der Welterbe-Website zu finden, hier klicken. Und für August 2007 ist eine erneute Sitzung der Runde geplant: Da geht es um den Verkehr.

Als einige Tage danach Herr Prof. Weiß auf Einladung des Welterbe-Vereins im Stadtmuseum einen Vortrag hielt, zog Hardy Fischer auch eine mündliche Bilanz der Vorgänge. Es ging ihm wie jedem genauen Beobachter: Er war hin- und hergerissen zwischen der Erleichterung, daß weite Teile der von Anfang an offensichtlich untauglichen Museumslandschafts-Planung nun endlich in den Papierkorb gewandert sind, und dem Ärger darüber, wieviel Zeit und Geld vernichtet worden sind für eine von Anfang an falsch aufgestellte, falsch durchgeführte und zu jederzeit offensichtlich falschen Ergebnissen führende Planung.

Aber es war klar, daß das vorherrschende Gefühl Erleichterung ist: Hier ist ein Sieg zu verzeichnen: Für die Vernunft, für die Parks, für die Stadt Kassel und ihre Bürger. Auf der Verliererseite stehen die Steuerzahler, die für die siebenstellige Fehlplanungs-Summe aufkommen dürfen, und die Planer, die in den Trümmern ihrer selbstherrlichen Planung sitzen und nur noch versuchen können, die Sache sich und der Mitwelt schönzureden. (»Nun haben wir Planungssicherheit« sagte Dr. Eissenhauer nach dem Ende der Expertentagung. Jetzt also kann man solide planen, nachdem Hunderttausende verpulvert sind? Nachdem man sich selbst und allen Beteiligten, wie z.B. Architekten, aber auch Kritikern, die einen endlosen Kampf gegen diese Fehlplanung führen mußten, die Zeit gestohlen hat? Nichts hätte dagegengesprochen, die Expertenrunde vorher zu befragen.)

Aber es ist nur ein Teilsieg. Denn alle jene Teile der so mißlungenen Planung, die nicht Bestandteil der Prüfung waren, für die es keine UNESCO, keine ICOMOS und keine Expertenrunde gibt, existieren natürlich weiter. Es wird keineswegs die naheliegende Folgerung gezogen, daß man das Ergebnis der Runde extrapolieren kann, ja sogar muß. Daß man also die stadtseitige Planung nun ebenfalls vollständig überdenken muß. Die stadtseitige Planung, die von Anfang an gar nicht bestand, die nachgeschoben wurde als unengagierte Innenstadt-Belebung, als Ausgleichsmaßnahme, diese Planung, aufgestellt von denselben Planern auf demselben - offenbar niedrigen - Niveau, ist nun das einzige, was noch übrigbleibt.

Vielleicht das wichtigste Beispiel ist der Umgang mit dem Brüder-Grimm-Platz, eine Farce mit vielen Akteuren und vielen Pointen, aber wenig Handlung. Auf diesen Platz, dessen Potential auf der entsprechenden Seite dieser Website beschrieben wird, wird sich der aufgestaute Planungswille nun wohl entladen. Die Zeichnungen für die Zerstörung der Fassade des historisch wertvollen Landesmuseums sind offenbar bereits angefertigt: Das »Öffnen« zum Platz hin durch Aufreißen von Fenstern, der banale Glastunnel zwischen Museum und südlichem Torwache-Gebäude sollen Zeichen setzen und den Planern die Möglichkeit geben, doch noch Bänder zu durchschneiden und mal wieder an die 200 Millionnen zu erinnern, die uns Hessen unsere eigene Landesregierung so großzügig schenkt.

Was dann eigentlich in dieses beschädigte Gebäude hineinsoll, scheint noch nicht so recht festzustehen. Gibt es noch diese Planung einer irgendwie multimedialen Geschichtsschau? Auf die ist niemand neugierig. Das Tapetenmuseum wiederum muß ausziehen: Ein neuer Standort ist noch nicht gefunden, hier wartet für viele Jahre das Depot. Und von einer Koordination zwischen Stadt und Land kann ohnehin keine Rede sein, so dringend das für die Entwicklung des Brüder-Grimm-Standortes am authentischen, erhaltenen Wohnort, der nördlichen Torwache nötig wäre: Der Streit darüber, wem die zum UNESCO-Weltdokumentenerbe gehörigen Grimmschen Handexemplare gehören (ein Streit, den durch Aktenstudien beizulegen offenbar seitens der Stadt Kassel für zu naheliegend gehalten wird) verbraucht schon alle Energie.

Fazit: Der Park Wilhelmshöhe ist gerettet - teilweise, vorübergehend, aber immerhin. Die eigentliche Museums-Inhaltsplanung steht unklarer da denn je zuvor. Die beiden anstehenden Aufgaben für interessierte Bürger sind: Beobachten, wie es auf der Wilhelmshöhe weitergeht, auch mit der Verkehrsplanung. Und nach Kräften dafür sorgen, daß der Kulturstandort Innenstadt verbessert, und nicht, wie die augenblicklichen Planungen offenbar immer noch vorsehen, sinnlos und teuer beschädigt wird.

* * *

Stand Sommer 2006:

Ende 2003 wurden Pläne bekannt, die traditionsreiche Kasseler Museumslandschaft umzugestalten.
Der Direktor der Staatlichen Museen Kassel, Dr. Michael Eissenhauer, wurde von Kunstminister Udo Corts bei seinen Planungen unterstützt. Die Ziele: Mehr Besucher für die Museen bei Reduzierung der Kosten. Eine Machbarkeitsstudie wurde in Auftrag gegeben; den Zuschlag erhielt das Planungsbüro Albert Speer & Partner in Frankfurt am Main, Projektleiter wurde der damalige Mitarbeiter Jens Jakob Happ; für die museologische Kompetenz sollte der Österreicher Dieter Bognerbogner.cultural consulting«) sorgen.

Der Plan hieß zunächst »Museumspark Wilhelmshöhe«: Im Schloß Wilhelmshöhe sollten die attraktivsten Stücke der Kasseler Sammlungen gezeigt werden, ein erneuter Umbau des Schlosses sowie Um- und Neubauten auf dem Schloßplateau die Konzentration der Kasseler Schätze möglich machen. Die ohnehin seit Jahrzehnten ausstehenden und inzwischen unaufschiebbaren Renovierungsarbeiten am Herkules-Oktogon, an der Löwenburg, dem Steinhöfer Wasserfall und vielen anderen Park-Gebäuden wurden dem Projekt nominell zugeschlagen. Sie hatten damit zwar inhaltlich nichts zu tun, aber so ließ sich verkünden: 200 Millionen für die Umgestaltung der Museen in Kassel! Von diesen 200 Millionen waren 180 für die Renovierungen vorgesehen.

Nach Protesten gegen die stadtpolitisch abwegige Aufwertung von Wilhelmshöhe - des ohnhin gut funktionierenden Stadtteils und des ohnehin sehr gut besuchten Parks - auf Kosten der mit Attraktivitätsproblemen ringenden Stadt wurde das Projekt umbenannt und heißt seitdem »Museumslandschaft Kassel«. Die Stadt sollte nun einbezogen werden; ein Plan, auf den die Planer gegen ihren Willen gebracht werden mußten.

Und siehe: Noch immer sind für Wilhelmshöhe zwei neue Besucherzentren geplant (Architekturbüros arbeiten schon daran), für die Stadt Kassel aber keines. Noch immer sollen die attraktivsten Stücke der Kasseler Sammlungen nach Wilhelmshöhe geschafft und zu einem museologisch - gelinde gesagt - umstrittenen »fürstlichen Kosmos« vereinigt werden, während die stadtseitigen Planungen nur Augenwischerei sind. Und obwohl eine Schädigung des Parks Wilhelmshöhe durch sonderbare Planungsdetails wie Rolltreppen im Landschaftspark von den Planern immer wieder ausdrücklich in Kauf genommen wurde (»auch der Landgraf kannte keine Rücksichtsnahme«, so Dieter Bogner bei einer Präsentation im Hörsaal des Landesmuseums), kümmern sich die Stadtverantwortlichen noch immer nicht wahrnehmbar um eine Korrektur der Pläne.

* * *

Das Gutachten für die Museumslandschaft wurde im Frühjahr 2006 veröffentlicht
(www.hmwk.hessen.de). Ob dieses »Gutachten«, das von den Verfassern auch gern mal »Machbarkeitsstudie« oder »Masterplan« genannt wird, seinen Zweck erfüllt, ist schwer zu sagen, da dieser der Öffentlichkeit nicht bekannt ist (und auch der Stadtverordnetenversammlung auf Anfrage nicht mitgeteilt wurde, siehe das Kapitel »Anfrage an die StaVo«).

Eine offene Diskussion in Fachkreisen über die Ziele und Methoden der Umgestaltung der Museumslandschaft hat es genausowenig gegeben wie eine Beteiligung der Öffentlichkeit; sie wurde inzwischen angekündigt (siehe weiter unten), doch bereits wurden die ersten Aufträge für gewichtige Umbauten vergeben: Neubau eines Besucherzentrums am Herkules, Ausbau des historischen Endhaltestellen-Gebäudes der Linie 1 zu einem provisorischen Besucherzentrum, Umbau des Landesmuseums samt dramatischen Eingriffen in die denmkmalgeschützte Substanz (siehe das Kapitel »Brüder-Grimm-Platz«)und weitere Maßnahmen.

Diese Eile hat Methode, wie aus einem Text des Planers Dieter Bogner in wünschbarster Offenheit hervorgeht: »Somit geschah das Wunder, dass parallel zur Fertigstellung des Endberichts bereits an der Vorbereitung erster Architekturwettbewerbe gearbeitet werden kann.« (Zitat aus www.kunsthistoriker.at.) Damit wird jede weitere Diskussion von vorneherein zur Farce erklärt; obwohl Fach- und Qualitätspresse, Fachleute und Bürgerschaft der Stadt Kassel den vorliegenden Plänen mehrheitlich sehr kritisch gegenüberstehen. Gibt es denn überhaupt eine Stimme von Gewicht, die die Pläne auf ihrem aktuellen Stand argumentativ befürwortet? Wir bitten um Mitteilung und werden jede derartige Stellungnahme sofort hier veröffentlichen.

* * *

Im Internet findet sich auf »competitiononline« die Vergabebekanntmachung des Hessischen Baumanagements für »Museumslandschaft Kassel (Projektmanagementleistungen und Museologische Planungen)« vom 29.06.2005. Hier klicken für die Website mit dem vollständigen Text.

Zitate und Kommentare:

»Museumslandschaft Kassel (Projektmanagementleistungen und Museologische Planungen), Kassel (D)
Anzeige (Originaltext aus dem Amtsblatt der Europäischen Union)
D-Kassel: Dienstleistungen von Architektur- und Ingenieurbüros sowie planungsbezogene Leistungen
2005/S 130-128983
VERGABEBEKANNTMACHUNG
Dienstleistungsauftrag

[...]
ABSCHNITT II: AUFTRAGSGEGENSTAND
[...]
II.1.6) Beschreibung/Gegenstand des Auftrags:
Art und Umfang der Leistungen:
- Projektmanagement.
- Museologische Fachplanung.
Für die Neuordnung der Sammlungen der Kasseler Museen wurde im Auftrag des HMWK eine Studie erstellt, die im Ergebnis ein umfassendes Gesamtkonzept formuliert. Es stellt einen Masterplan dar, in dessen Rahmen einzelne Bauprojekte, Neu- Um- und Erweiterungsbauten mit einem beträchtlichen Anteil an Sanierungen in denkmalgeschützten Gebäuden sowie auch Maßnahmen im Bereich der Landschafts-, Verkehrs- und Freiflächenplanung umgesetzt werden sollen.
[...]
Aufbauend auf den Empfehlungen der Studie sind eine Reihe von Baumaßnahmen geplant. Acht Maßnahmen wurden bereits im Landeshaushalt 2005 mit Gesamtkosten von 98 300 000 EUR verankert, weitere sollen folgen.
«

[Wenn sich dieser Passus anders lesen läßt als folgendermaßen: »Bereits Mitte 2005 stand fest, daß die Machbarkeitsstudie eigentlich ein Masterplan war. Ohne jede öffentliche Diskussion und längst vor jeder Veröffentlichung, auch gegenüber den Kasseler Stadtverordneten, werden die Ergebnisse der Studie als Umsetzungsziel festgeschrieben«, dann bitten wir sehr herzlich um Mitteilung.]

»[...]
Information über Lose
Los Nr.: 1: Projektmanagementleistungen.
[...]
Die Mitwirkung an der Öffentlichkeitsarbeit des Auftraggebers bei der Erstellung von Informationsschriften und Präsentationen sowie die Organisation und Durchführung von internen und öffentlichen Informationsveranstaltungen wird ebenso erwartet wie Sitzungsvor- und Nachbereitungen auf allen Ebenen des Projektes.
«

[Von Beteiligung der Öffentlichkeit ist hier keine Rede, nur von Information. Ein gewisser Unterschied.]

»[...]
Los Nr.: 2: Museologische Planungen.
[...]
2) Kurze Beschreibung:
Es wird erwartet, dass der Auftragnehmer die museologischen Anregungen aus dem vorliegenden Gesamtkonzept im Hinblick auf die inhaltlichen, konservatorischen und formalen Anforderungen sowohl der existierenden Sammlungsbestände als auch der gegebenen oder zu erstellenden Flächen- und Raumvolumina konkretisiert und vertieft.
«

[... Also nicht etwa in Frage stellt. »Es wird erwartet«, daß die »Anregungen« »konkretisiert und vertieft werden«, und das wurde bereits Mitte 2005 erwartet, zu einem Zeitpunkt also, als jeder Versuch, vom hermetischen Planungsstab etwas zu hören oder ihm Anregungen zu geben, damit abgeschmettert wurde, daß dafür doch bitte das fertige Gutachten erst einmal abgewartet werden solle. »Zu früh« geht also nahtlos in »zu spät« über.]

 

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